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Wochenlang war er weg. Im Krankenhaus, in Kliniken, in der Reha. Ab und an einen Monat zuhause. Ich machte jede Fahrt, erledigte jeden Auftrag, organisierte Termine, fütterte die Vögel, kümmerte mich um seine Mieter sobald etwas war und informierte ihn ständig. Er lässt mich kostenfrei in seiner Wohnung wohnen, finanzierte mir ein Auto und verlangt bloß Geld für Strom. Ich beeile mich und nehme jede Aufgabe ernst um für ihn da zu sein. Seit dem neunten Mai letzten Jahres. Jetzt hat er es geschafft. Er muss weiterbehandelt werden, aber geht und steht und darf zuhause bleiben. Ich bin froh. Ich habe viel geschafft und gelernt. In diesem Augenblick aber, habe ich mehr als nur einen Kloß im Hals. Die letzten zwanzig Jahre, bevor der Unfall geschah, war das Verhältnis zwischen Vater und Tochter nicht gut. Es hatte sich nur leicht verbessert, seit wir im selben Betrieb angestellt waren bis er in Rente ging. Mitarbeiter trugen mir Geschichten zu, die mir ein Bild von meinem Vater als Menschen gaben. Ich hatte Zweifel, fand die Realität surreal. Misstrauen. Meine Mutter warnte mich vor „Psychospielchen“. Ich solle aufpassen was Papa sagt und wie er es meint. Selbst hatte ich mehr Angst vor zu hohen Erwartungen. So war es nämlich. Ich schlafe ihm zu viel. Unkraut wächst und ich nehme mir zu wenig Zeit. Ich schlafe oder bin unterwegs. Ich soll Prioritäten setzen. Es gibt viel zu tun. Zuerst-einmal bin ich immerhin acht Stunden arbeiten und effektiv neun Stunden sowieso außer Haus dadurch. Die Schichten liegen unterschiedlich im Tag, was dazu führt, dass ich mal sehr früh aufstehen muss, ab und an aber auch ausschlafen kann oder Termine, Besorgungen und Telefonate sowie Hausarbeit in den Vormittag legen kann. An Tagen, an denen man gefragt wird, warum man etwas nicht könne, wenn man doch sonst immer alles kann, neigt man oft stolz zu reagieren – ich war genervt. Ich wechsele nächsten Monat in die Verwaltung und mein Kopf ist voller einnehmender Erwartungen für die ich Verantwortung emfinde. Ich bekam auch schon übergreifende Aufgaben im Betrieb, was man damit begründete, dass ich ja gerne Verantwortung übernehmen würde. Aber manchmal möchte ich einfach nur machen, was ich gerade mache und die Zeit 'rum kriegen und darauffolgend die Aufgaben bewältigen, die mein Privatleben an mich stellt und irgendwann spätabends schlafen. Optimalerweise nicht allein. Mein Vater erwartet noch mehr. Gleichzeitig sagt er mir, dass ich mich um weniger Dinge kümmern soll. Ich soll Prioritäten setzen. Möglicherweise weniger zu den Studenten. Heute sagte sehr direkt, dass ich mir keine Aufgaben von meiner Mutter geben lassen soll. Er fällt zwar immer ins Wort, aber ich habe mich dagegen ausgesprochen. Ich hatte Tränen in den Augen. Ich weiß, dass er Druck empfindet, weil er denkt, dass alle nach Plan zu laufen hat und sein muss und jetzt muss. Ich reflektiere und denke mir, dass ich nicht laut werden sollte. Er betont auch, dass er mich nicht belasten will oder nur so wenig wie möglich, aber das widerspricht sich gewaltig. Klar übernehme ich gerne Aufgaben, aber ich will Freunde und Freizeit und Spaß, Genuss und Leben neben der Arbeit – also nicht immer. Ich bin nicht seine Mutter. Er ist mein Vater. Er hätte vielleicht mal daran denken können mich in der kindlichen Erziehung zu prägen, damit ich jetzt den fleißigen Roboter spiele. Aber ich wohne hier und natürlich werde ich helfen. Ich wohne hier umsonst und deshalb werde ich mir natürlich viel Zeit dafür frei halten. Aber ich werde nichts anderes dafür aufgeben. Zumindest das hab ich gesagt. Scheinbar ist das aber unerwünscht und enttäuscht ihn, zumindest wurde er dann laut. Ich hab das Thema gewechselt. Mit Tränen in den Augen. Ich ging dann. Ich betrat die Wohnung um die Ecke. Ich schloss die Tür. Ich brach in Tränen aus. Ich bin enttäuscht. Von mir. Von meinem Vater, weil das ein Verhalten war, für dass ich mich vor Jahren mal von ihm gesetzlich emanzipieren lassen wollte. Ich habe es nur nicht gemacht, weil ich gehofft hatte. Bin ich dumm? Bin ich falsch? Bin ich faul? Ist er verständnislos oder habe ich falsche Prioritäten? Ich will es immernoch versuchen. Alles. Vielleicht ist es der Druck. Aber wenn er so ist, will ich am Liebsten aufgeben. Ich zweifle dadurch an mir, obwohl ich im Nachhinein an viele Menschen denken muss, die mich nicht falsch finden. ….aber wie gehe ich mit meinem Vater um?
12.4.17 20:07
 
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