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Himmel und Hölle

Noch weiß ich es nicht zu fassen, aber ich bin dabei alles zu schaffen, was liegengeblieben war. Kleinigkeiten, die ich vor mir hergeschoben hatte, weil andere Dinge wichtiger erschienen und sogar anzugehen meine Studienkredit-Schulden abzustottern. Ich fühle mich nicht völlig sicher oder gefestigt, aber ich beginne – neben den Leben der Anderen – meines unter Kontrolle zu kriegen. Es beeinflusst mich immer noch unheimlich viel, was mein Umfeld so macht, aber ich vergesse mich nicht. Wenn ich Pausen mache und Zeit für mich habe, knalle ich mich nicht sofort weg und ich bin weniger gelähmt von Überforderung. Am Anfang war da diese gewaltige Bergkette mit all ihren Erhebungen deren Gipfel ich auch jetzt kaum erahne. Beim Bergsteigen wird es schwer für Asthmatiker. Ich fühlte mich so machtlos und unerfahren, dass ich keinen Schritt voran kam. Nur immer so weit wie ich ganz unbedingt musste. Heute plane ich im Stechschritt über Stock und Stein im Handykalendar die nächsten drei Tage, während ich in der Personalmangelzeit die Abteilung zeitweise allein betreue und mach mir gleichzeitig Gedanken über das Weiterkommen und kommuniziere mit Mietern von Wohnungen in denen die Wasserleitungen einfrieren, weil ich diese, die Post und die Hofarbeiten für meinen immer noch indisponierten Vater übernehme. Gut, dass dieser noch da ist. Noch kann ich es lernen. Alles das, was ich nie gelernt habe. Ich kann in zwei Sprachen eine vollständige Gedichtanalyse schreiben, aber habe bis heute noch nie so viel gelernt dass im Leben wirklich weiterbringt und mich vorbereitet. Jetzt habe ich die Chance. Alles, was mich nun noch sagen lässt „ich kann nicht mehr“, ist meinen Vater depressiv in hoffnungslosen Worten jeden Spaß aus den Umständen subtrahieren zu sehen. Er denkt, dass es wichtig und richtig sei um voraus zu planen und sich abzusichern. Den starken und aktiven Unkraut-Cyborg so reden zu hören, nimmt mir aber gleich alle Hoffnung mit weg. Ich sehe wieder dieses „wir sind alle nur Räder im System“, dieses „war es das jetzt?“. Alle Situationen in meinem Umfeld, die auch vormittags auf level-angepassten Privatsendern ausgestrahlt werden könnten, laugen aus. Besonders dann, wenn ich nichts tun kann. Ist das gesellschaftliche Zusammenleben von Menschen in norm- und vorstellungsbelasteten Systemen die Hölle auf Erden? Ich könnte mir vorstellen, dass zu verhungern und zu erfrieren und zu sterben wie in „into the wild“, dem Himmel näher kommt als jederzeit Erwartungen zu erfüllen und an sich selbst zu stellen, welche einen nicht glücklich machen. Aus dem System komm ich nicht raus. Aus dem Leben komm ich nicht raus. Auch wenn es in der Drogerie-Abteilung mindestens 100 Tode für unter 5€ gibt, wenn man ernsthaft interessiert ist. Sauberer als sich vor einen Zug zu schmeißen und weniger verstörend für andere ist es auch noch. Wer den Angehörigen möglichst wenig Dreck hinterlassen möchte, kann sich ja sogar nach dem Genuss völlig betäubender Stoffe ganz und gar von Chemikalien auflösen lassen – möglichst in einem geeigneten Gefäß und mit einer zeitverzögerten Mail über den App-Dienst um die Polizei nach ausreichend verstrichener Zeit darauf hinzuweisen, dass trotz Putzmittelgeruch die Türe mal geöffnet werden sollte. Nur so als Vorschlag für alle suizidalen Spinner, die Zugführer ansonsten traumatisieren müssten. Aber ich überlege immer nur. Ich sehe mir Inhaltsstoffe an und google oder Frage mich wie lange die Lauge bei Seifenherstellung ohne Schutzmaßnahmen wohl bräuchte, bis es zu dem käme, wovor gewarnt wird. Ich tue das nicht. Nie. Ganz bestimmt nicht. Dafür würde ich zu vielen weh tun, wenn ich es täte. Die brauchen mich noch. Die jenigen, die mir zeigen, dass es so ist und die mir Anerkennung zeigen, lassen mich auch spüren, dass ich trotzdem weiterhin Bergsteigen kann. Vielleicht wird das Gebirge nie mehr Flacher – das hab ich noch nie gehört – aber es wird angenehmer. Wer etwas lernt, dem fällt es nicht mehr schwer, also werden wohl die Dinge im Leben wirklich nicht einfacher, aber ich werde stärker oder der Schwierigkeitsgrad ist mir egal oder ich betrachte die plötzliche Härte als Herausforderung. Mehr als Scheitern kann ich nicht und um das möglichst nicht zu tun, ergaben sich wesentliche Grundsätze: 1.) Ist etwas zu tun, dann tu es verdammt nochmal sofort oder schlimmstenfalls so schnell wie möglich. Aufschieben macht nur Probleme. Also immer sofort! 2.) Wenn du gerade dabei bist, mach es zielsicher, vollständig, gründlich und möglichst korrekt. Alles was nicht geht: Frag nach, google, schreib auf, kläre – Lass nicht liegen! Das werden schon genug andere tun! Plane die Dummheit der Anderen und die "Nach mir die Sinnflut"-Einstellung mit ein. Es ist immer so. Das sind Menschen. 3.) Plane Pausen – Unbedingt so tun, als würde alles drei mal so lange brauchen, als es eigentlich tut, denn schlimmer ist, wenn es mal länger braucht und man mit anderen Dingen in Verzug gerät. 4.) Gleichzeitig Kochen, Wäsche einstecken, Einkäufe ausräumen und telefonieren. Klappte bereits mehr als einmal unfallfrei und wenn man das kann ist das hilfreich, denn die ganzen „Kleinigkeiten des Alltags“ nacheinander zu tun, würde bedeuten, dass ich jeden Tag nach der Arbeit mindestens eine ganze Stunde komplett verliere. 5.) Der Himmel ist all das, wozu ich diese Regeln nicht brauche, alles was anschließend passiert und in den entstehenden Pausen und Wartezeiten, jedes außerhalb vom Systemkonformen geschriebene oder gesprochene Wort. Gespräche über göttliches in menschlichen Individuen, Kultur und Kreativität aber vor allem immer dann, wenn jemand mir vermittelt, dass ich etwas Gutes bin, ohne dass ich es zu sein habe.
24.1.17 17:23
 
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