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Als ich die Tür aufschließe, ahne ich es schon. Den ganzen Tag hörte ich zwischendurch ihre Stimmen. Beim Arbeiten bereits. Gut, dass ich gestern so viel geschafft habe. Ich füttere den ungeduldigen Kater, hänge meinen Mantel auf und betrete mein momentanes Schlafzimmer. „Auch schon daaa?!“ Es ertönt augenblicklich die Stimme meiner zynischen Persönlichkeit, „ist ja nicht so, als wenn du nicht bereits wüsstest, worum es geht!“ Ich setze mich auf das Bett links im Raum. Mehrere Augenpaare starren. Als ich meine Beine an mich heranziehe, streichelt mir die Persönlichkeit neben mir über die Schulter und blickt mich an. „Du kennst das ja, ist halb so wild“, sagt sie, „wir haben uns entschieden bei Tagesordnungspunkt 4 für heute weiter zu machen...“ - „Könnte auch XY123M heißen, ist eh nicht geordnet“, schreit eine Persönlichkeit dazwischen. Ich sitz mir also gegenüber, rechts und links von mir und bin mit mir alleine. Scheinbar habe ich nebst den winzigen Versionen von Meinungs-Ohrwürmern und Berater-Tumoren nun noch Steine, in die gemeißelt werden könnte, auf die aber nur Kreidereste sichtbar sind. Ich hör mir einige Minuten zu, wie ich diverse Situationen der letzten Tage zusammenfasse und sage nichts. Als ich mich frage, was ich empfinde, muss ich schlucken. Ich nehme ein Kissen auf den Schoß. „Ja, klar! Was erwarte ich auch von einer entscheidungsunfähigen Überforderten, die ständig in die Selbstschutz-Mechanismen ihrer Eltern verfällt,“ schallt es höhnisch, „Verdrängung, Rationalisierung, Projektion, Verschiebung,...“ - „Wenn ich mich so gut einschätzen kann, sollte ich das vielleicht machen, aber nicht so, dass ich mich gleich anfahre,“ sag ich. „Also möchte ich mich von mir analysieren lassen, obwohl ich weiß, wie sehr ich schon Dinge falsch eingeschätz habe, die mich betreffen?“ - „Nee,“ sag ich, „wäre nur wieder 'n Versuch. Das ginge dann wieder 'vielleicht hatte der und der Recht, vielleicht sollte ich das und das... Das nervt mich!“ Eine meiner Persönlichkeiten zieht an einem Meinungsohrwurm mit dem Gesicht meiner Mutter: „Hätte der dich gekannt und wär ihm wirklich was an dir gelegen-“, „Hätte, hätte,“ sag ich zu mir und lache böse, „der glaubst du? Dem Verschiebungs-Opfer?!“ „Mein Gott, ich kann mir nicht mehr folgen!“ „Richtig, konntest du das jemals?“ Ich leg das Kissen weg und schaue zur Decke. „Wie kriegen andere Menschen das hin, sich innerlich einig zu sein?“ „Nun,“ sag ich neben mir, „wahrscheinlich machen die nichts, obwohl sie wissen, dass es weh tut.“ Ich schließe die Augen. „Was war mit dem Gefühl von gestern?“ Ich schlage die Augen wieder auf. Alle schauen mich an. „Du weißt es. Du weißt es von Anfang an. Du hast es anfangs abgelehnt dich darauf einzulassen – überhaupt auf die Spur der Überlegung – weil du es weißt!“ Eine der Persönlichkeiten droht an an einem bekannten Ohrwurm zu zupfen. Eine andere schreibt mit Kreide auf einen Stein: 'Hängt ihr Herz an unmögliche Ziele.' Sie holt den Meißel unterm Tisch hervor, dann den Hammer. „Stopp! Daaas kann man so nicht sagen!!“ „Ach was?!“ „Ja,“ sag ich, „Ich hab mir immerhin zwanzig Jahre gewünscht irgendeine positive Beziehung zu meinem Vater aufzubauen – und seht her: Ich wohn hier jetzt!“ „Jau,“ sag ich und ziehe eine Braue hoch, „Dadurch wird es zwar nicht weniger gruselig oder gewöhnungsbedürftig, aber klar zwanzig Jahre Schmerzen lohnen sich natürlich für jedermann! Hätteste mal die Brücke abgefackelt, als dein eigener Schaden noch nicht so üppig war!“ Geschockt beuge ich mich ein bisschen nach vorne. „Okay, ist nicht nach Wunsch gelaufen und hat sich vielleicht entwickelt wie es gut gewesen wäre, aber ich freu mich. Ist auch nicht vergleichbar mit so manch anderen Fällen!“ „Weil er genauso wenig und weniger Vertrauen in Menschen hat als du?“ „Weieeel,“ sag ich laut, „mein Herz schon immer zum Teil an Papa verschenkt war und nichts ihn ersetzen kann – andere schon!“ „Sie hat 'verschenkt' benutzt.“ „Ja, hat sie – hab ich – und sie hat gesagt, andere seien nicht betroffen. Er und andere führten erst hier her. Möglicherweise hat sein Selbstschutz sich rar zu machen ihren Knacks verursacht!“ „Und der Hauptknacks ist dass sie sich immer trotz des Wissens darum an Menschen kettet, die gehen werden oder erst gar nicht da sind … oder nicht mehr. Wahrscheinlich Erfahrung + Blödheit = Teufelskreis!“ „Abwärtsspirale!“ „Blödheit heißt Hoffnung!“ „Ach, ich hoff, obwohl einer nie da war, dass er es auf ne bestimmte Weise ist, obwohl absehbar ist, dass er irgendwann weg ist?“ „Hängst du den Herz gern an Dinge, die es brechen?“ „Klingt als würden wir das aus Blödheit selber brechen!“ Alle werden ruhiger. Im Raum ist es plötzlich Still. Die naheliegende Lösung kenne ich genau wie die Befürchtung. Hoffnung schafft Illusion, die Enttäuschung verursacht. Immer. Ausnahmslos. Erfahrung. Ich sollte das lassen. Also nutze ich die Stille und gehe in die Küche. Tee machen. Als ich die Tasse fülle und niemanden mehr reden höre, wird mir klar, was ich wieder tue. Wie ich mich kenne schalte ich gleich den Fernseher an, kriege trotzdem kaum was mit, rauche mich stumpf, verdränge, rationalisiere die Dinge und sage mir, dass ich selbstständig und stark sein muss und unabhängig, dass ich viel geschafft habe und mit mir selber glücklich sein muss und meine Ziele für mich selbst erreichen muss und aus eigener Kraft und dass meine Ziele nur dann meine Träume sind, wenn ich mein Herz nicht an Dinge hänge, die zum Scheitern ganz offensichtlich und logisch verurteilt sind, die sich anfühlen, als müsste ich auf etwas verzichten, dass ich in meiner Zukunft sehen wollte ...wenn ich dann klarer werde, werde ich weinen, ich werde wünschen, ich werde hoffen und dann umarme ich mit meinem ganzen Selbst und allem, was ich Seele nennen würde, diesen Traum und die Illusion dessen, was mich hoffen lässt. Ich werde Ängste vergessen und weinen, weil jeder Weg in meinem Kopf, der realisieren könnte was ich mir da wünsche, schmeckt wie Verzicht und mehr Ängste hervorruft. Aber ich halte fest. Bis ich mich frage warum. Dann weine ich. Also nehme ich den Tee und gehe leer, wie automatisiert ins Schlafzimmer. Eine Persönlichkeit sitzt da noch. Sie ist ziemlich klein geraten, doch das kindliche Äußere passt zu ihr. Ich knie mich zu ihr hin. Sie drückt ihren Kopf gegen meine Schulter. Ich weine. Die Rollladen fahren wegen der Uhrzeit herunter. Sie ist keine Persönlichkeit von mir. Sie war immer mein Wunsch. „Ich gebe dich nicht auf,“ sag ich leise für mich. Sie streichelt meinen Rücken, schlägt die Arme um meinen Hals und flüstert: „Ein glückliches Kind, braucht zuerst eine glückliche Mutter,“ dann atmet sie durch, „und keine, die sich selbst verflucht.“ Dann vergesse ich sie, schlage sie mir aus dem Kopf. Fernseher an.
5.12.16 19:04


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