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Auf der Arbeit habe ich eine Kollegin, von der ich erst kürzlich erfahren habe, dass sie sich mit Ahnenforschung beschäftigt. Sie ist Anfang vierzig und kinderlos und hat eine jüngere Schwester, die ihr ein bisschen hilft. Hauptsächlich ist dieser Tatendrang aber ein zeitaufwendiges Hobby, welches sie schon bis 1700 und zu einem Auswanderer nach Amerika führte. Eine spannende Geschichte, welche in Schüben so sehr mitreißt, dass meine Kollegin an nichts anderes mehr denkt und zeitweise so blockiert und enttäuscht, dass sie ab und zu daran denkt aufzugeben. Sie und ich haben gestern lange darüber gesprochen. Sie hatte die Suche begonnen, weil sie ihre zerrütteten Familienverhältnisse nachvollziehen, ihren Vater besser kennen und ihren Onkel wiederfinden wollte. Er und sie sind mittlerweile wieder befreundet und treffen sich ab und zu. Sie kann stolz auf sich sein und das ist sie. Um Einträge in den Kirchenbüchern zu lesen, lernte sie sogar Sütterlin-Schrift zu lesen und sie legte digital Stammbücher an, die sie irgendwann einmal in ein Buch übertragen möchte um es weitergeben zu können. Diese Gespräche gestern gaben mir Kraft und Bestätigung. Ich habe ach schon eine Datei angelegt. Schon vor ca. zwei Wochen. Sütterlin kann ich nicht gut, aber etwas, weil meine Großtante ihre Einkaufszettel so schrieb, die sie mir mitgab. Das ist neun Jahre her, aber wenn ich die Schrift etwas länger ansehe, dann kann ich darin auch ganze Texte lesen. Es braucht nur etwas mehr Zeit. Irgendwann in naher Zukunft wird das niemand mehr lesen können, weil sich so wenige damit beschäftigen. Das finde ich schade. Es geht vieles verloren. Deswegen fing ich an zu suchen. Alle, die mir etwas erzählen konnten sind verstorben oder reden nicht darüber und weil ich das eine nicht ändern kann, möchte ich das andere versuchen und neue Wege für mich offen legen. Ich habe Freundinnen, die mich dafür motivieren und mich unterstützen. Das tut gut und zu hören dass meine Gründe nicht unverständlich sind, tut unglaublich gut. Ich bin nur ich, weil meine Großtante immer ein Teil von mir sein wird. Bei vielen Dingen, die ich tue, denke ich an sie. Sie hatte keinen Mann und keine Kinder und wenn man sie gefragt hat, ob sie es bereue oder einsam ist, dann schaute sie meinen Bruder und mich an, lächelte und sagte, dass sie doch Kinder hätte! Mein Therapeut sagte mal, dass ich nicht bei ihm sitzen müsste wenn meine Eltern hingegangen wären. Noch ein Grund. Ich möchte wissen warum ich bin wie ich bin und diejenigen vor mir waren wie sie waren, weil sie immer weitergaben, was sie ausmachte. Gerade jetzt wo ich immer mehr Angst darum habe, dass das Haus meiner Großtante bald von der Bildfläche verschwindet. Wenn ich darin bin merke ich dass alles kleiner und niedriger ist, als in meiner Erinnerung, aber dass die Staubränder der Möbel als Schatten noch da sind und selbst die Türdichtung an der ich als Kind geknibbelt habe ist so weich wie ich sie kannte.



5.7.14 14:41


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